Fachvortrag „Bindung ohne Burnout“ zum 60. Geburtstag der Lebenshilfe

02.10.2026

Mehr als 300 Besucher*innen kamen zum Fachvortrag von Nora Imlau zum 60. Geburtstag der Lebenshilfe Grafschaft Diepholz ins Sulinger Stadttheater. Der Abend verband Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Lebenshilfe – und zeigte vor allem eines: Lebenshilfe lebt von Menschen, Begegnungen und gemeinsam übernommener Verantwortung.

Der Abend begann mit einem Empfang im Foyer. Bei Schnittchen und Getränken kamen die Gäste miteinander ins Gespräch und konnten eine Ausstellung zur Geschichte der Lebenshilfe entdecken. Fotos und Texte erzählten von den Anfängen im Jahr 1966 bis heute. Für die musikalische Begleitung sorgte Natascha Befort am Keyboard.

Anschließend begrüßten Geschäftsführerin Eva Brischke-Bau und der stellvertretende Vorsitzende Torsten Freyer die Gäste im Theater. Freyer vertrat den Vorsitzenden Piet Hirtler, der aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen konnte.

In ihren Begrüßungsworten blickten beide auf sechs Jahrzehnte Lebenshilfe zurück. Torsten Freyer erinnerte daran, dass alles mit einer Elterninitiative begann. Ohne die Eltern, die damals Verantwortung übernahmen und Veränderungen anstießen, gäbe es die Lebenshilfe in ihrer heutigen Form nicht. Gleichzeitig habe sich die Lebenshilfe immer wieder an neue gesellschaftliche Anforderungen, gesetzliche Rahmenbedingungen und Vorstellungen von Teilhabe anpassen und weiterentwickeln müssen.

Eva Brischke-Bau nahm die Gäste mit auf eine Reise zu den Anfängen. Im Vorfeld des Geburtstagsjahres waren alte Ordner gesichtet, Fotos betrachtet und längst vergessene Schätze im Archiv entdeckt worden. Dabei wurden Erinnerungen an Menschen und Ereignisse lebendig, die die Geschichte der Lebenshilfe bis heute prägen. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein Foto von Brigitte Lorz, der ersten Geschäftsführerin der Lebenshilfe von 1968 bis 1977. Auch das Wiedersehen mit dem ehemaligen Geschäftsführer Michael Lensing, der die Lebenshilfe 26 Jahre lang mitprägte, war für sie ein besonderer Moment.

Aus der Elterninitiative von 1966 ist inzwischen eine Organisation mit mehr als 21 Einrichtungen und über 650 Mitarbeitenden geworden. Jährlich begleitet die Lebenshilfe mehr als 1.000 Menschen in unterschiedlichen Lebensbereichen.

Mit großer Vorfreude wurde anschließend die Journalistin und Buchautorin Nora Imlau erwartet. Für ihren Vortrag „Bindung ohne Burnout – über Behinderung, Neurodivergenz und Vielfalt“ waren Besucher*innen teilweise weit angereist, unter anderem aus Göttingen, Bremen und Osnabrück. Da Imlau nur selten Fachvorträge hält und für den 60. Geburtstag der Lebenshilfe sogar ihre Elternzeit unterbrach, war ihr Besuch etwas Besonderes.

Imlau nahm ihr Publikum von Beginn an mit. Klar, pointiert und wissenschaftlich fundiert sprach sie über Bindungsforschung und die Perspektive von Kindern. Ihre zentrale Botschaft: Eltern und Fachkräfte müssen nicht perfekt sein. Der Anspruch, immer alles richtig machen zu wollen, kann selbst zur Belastung werden. Entscheidend sei vielmehr, für das Gegenüber da zu sein, zuzuhören und zu vermitteln: Ich sehe dich, ich nehme dich wahr und ich nehme dich ernst.

Manchmal reiche dafür ein Blick, eine Geste, ein kurzer Moment der Aufmerksamkeit oder ein gemeinsames Gespräch. Jede Familie dürfe ihren eigenen Weg finden. Genau hier setzt die bedürfnisorientierte Erziehung an: Die Bedürfnisse aller Familienmitglieder werden berücksichtigt. Kinder sind nicht einfach Befehlsempfänger, gleichzeitig müssen Eltern sich aber auch nicht bis zur völligen Erschöpfung aufopfern.

Auch Fehler, Erschöpfung oder Situationen, in denen es einmal mehr Bildschirmzeit gibt als geplant, stellen eine gewachsene Bindung nicht automatisch infrage. Eine sichere Beziehung hält mehr aus, als wir manchmal denken. Entscheidend sei nicht, jeden Moment perfekt zu gestalten, sondern immer wieder miteinander in Verbindung zu kommen.

Besonders passend zum Thema Bindung: Imlaus Baby war ebenfalls dabei und durfte zwischendurch sogar mit auf die Bühne. Authentischer hätte ein Abend zum Thema Bindung kaum sein können.

Auch nach dem Vortrag nahm sich Nora Imlau Zeit für die Gäste. Bei einer Autogrammstunde kam sie mit vielen Besucher*innen ins Gespräch.

Der Fachvortrag war ein weiterer Höhepunkt im Geburtstagsjahr der Lebenshilfe. Bewusst wurde der 60. Geburtstag nicht mit nur einer großen Feier begangen. „Wir wollten den Geburtstag dorthin bringen, wo Lebenshilfe stattfindet – zu den Menschen, in die Einrichtungen und in die Arbeitsbereiche“, erklärte Eva Brischke-Bau.

So entstand über das gesamte Jahr hinweg ein vielfältiges Programm: von der Kunstauktion „Farben der Begegnung“ über eine School’s-Out-Party, das 40-jährige Jubiläum des Wohnens am Schwafördener Weg und das 30-jährige Jubiläum der Kita Lütke Lüe bis zur Eröffnung der neuen Kita Kinderträume und dem großen Mitarbeiter*innenfest.

Gemeinsam zeigen all diese Veranstaltungen, wie vielfältig die Lebenshilfe heute ist – und wie viele Menschen, Ideen und Begegnungen zu ihrer Geschichte gehören.

Auf die nächsten 60 Jahre!

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