Teilhabe ist Menschenrecht: Lebenshilfe im Gespräch mit der Politik
17.07.2026

Wie kann uneingeschränkte Teilhabe und Selbstbestimmung für Menschen mit Beeinträchtigung trotz Sozialabbau auch in Zukunft gesichert werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Treffens zwischen der Geschäftsführerin der Lebenshilfe Grafschaft Diepholz, Eva Brischke-Bau, und dem CDU Bundestagsabgeordneten Axel Knörig. Anlass sind die aktuellen Reformvorhaben der Bundesregierung über mögliche Veränderungen in der Eingliederungshilfe.
Eva Brischke-Bau begrüßte den offenen und konstruktiven Dialog ausdrücklich. Ziel des Gesprächs sei es, die Erfahrungen aus der täglichen Praxis darzustellen und deutlich zu machen, welche Folgen geplante Veränderungen für soziale Anbieter, Menschen mit Behinderung und ihre Familien haben können. „Politische Entscheidungen müssen sich an den individuellen Bedarfen der Menschen orientieren. Deshalb ist der direkte Austausch mit den Verantwortlichen so wichtig“, betonte die Geschäftsführerin.
Individuelle Bedarfe müssen Maßstab bleiben
Im Mittelpunkt des Gesprächs standen die bundesweiten Forderungen der Lebenshilfe im Rahmen der Kampagne „Teilhabe ist Menschenrecht“. Dabei machte die Geschäftsführung deutlich, dass Einsparungen nicht zulasten derjenigen erfolgen dürfen, die auf Unterstützung angewiesen sind.
Ein besonderes Augenmerk legte Eva Brischke-Bau im Gespräch auf die Schulassistenz. Sie unterstrich, dass jedes Kind einen individuellen Unterstützungsbedarf hat. Bereits heute werden sowohl Pooling-Modelle als auch individuelle Assistenzleistungen eingesetzt. Entscheidend sei jedoch, dass weiterhin immer erst der Einzelfall betrachtet werde und nicht pauschale Lösungen über die Bedürfnisse der Kinder gestellt würden. Ein Beispiel: Was passiert wenn eine Schulassistenz für mehrere Kinder in der Klasse zuständig ist, die jeweils einer sehr hohen Begleitung bedürfen. Sprich ein Kind mit einer Zuckererkrankung, die einer durchgängigen Überwachung bedarf und einem Kind mit Epilepsie. Was passiert, wenn beide Kinder zeitgleich einer intensiven Betreuung bedürfen?
Positiv bewertete die Lebenshilfe im Bereich der Schulassistenz die enge Zusammenarbeit mit dem Landkreis, der die Bedarfe der Einzelnen sorgfältig prüft und gemeinsam mit den Leistungserbringern passgenaue Lösungen entwickelt.
Früh fördern
Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei der Lebenshilfe auf den Frühen Hilfen. Es ist wichtig, dass Beeinträchtigungen oder Auffälligkeiten in der Entwicklung des Kindes früh erkannt werden um mit gezielter Hilfe gefördert werden um schwerere Beeinträchtigungen zu mildern oder zu vermeiden. Frühzeitige Unterstützung stärkt die Selbstständigkeit von Kindern und eröffnet ihnen bessere Chancen auf Bildung, Ausbildung, Beruf und ein möglichst eigenständiges Leben. Aus Sicht der Lebenshilfe sind Investitionen in die Frühförderung deshalb auch gesellschaftlich und wirtschaftlich sinnvoll. Wer früh unterstützt wird, benötigt später häufig weniger intensive Hilfen.
Ebenso deutlich sprach sich Brischke-Bau für den Erhalt bestehender Qualitätsstandards aus. Gute Unterstützung braucht gut ausgebildete Fachkräfte und verlässliche Arbeitsbedingungen. Als tarifgebundener Arbeitgeber setzt die Lebenshilfe auf faire Bezahlung und hohe Qualität. Dafür braucht es jedoch eine auskömmliche Refinanzierung der tariflichen Personalkosten.
Gleichzeitig machte die Geschäftsführung deutlich, dass mögliche Einsparpotenziale an anderer Stelle liegen. Statt Leistungen für Menschen mit Behinderung einzuschränken, sollten Bürokratie abgebaut, Doppelstrukturen überprüft und Verwaltungsverfahren vereinfacht werden.
Teilhabe entsteht auch im Sozialraum
Über die gesetzlich refinanzierten Leistungen hinaus engagiert sich die Lebenshilfe in zahlreichen Bereichen, die gesellschaftliche Teilhabe stärken. Ein Beispiel ist der Sozialraum- und Netzwerkmanager, dessen Stelle derzeit durch Fördermittel ermöglicht wird. Er vernetzt Menschen, fördert ehrenamtliches Engagement, entwickelt inklusive Angebote und schafft Begegnungsmöglichkeiten im Sozialraum. Diese Arbeit trägt wesentlich dazu bei, Teilhabe dauerhaft zu ermöglichen, ist jedoch bislang nicht Bestandteil der regulären Finanzierung.
Eva Brischke-Bau wies auch nochmal mit Nachdruck auf die Bedeutung der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention hin. Seit der Ratifizierung 2009 ist es in Deutschland das zentrale Ziel, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und echte Inklusion in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zu garantieren. Sie sieht durch den drohenden Sozialabbau genau diese Ziele in Gefahr. „Ich glaube daran, dass mehr Teilhabe, mehr Selbstständigkeit und der Weg hin zur Inklusion unverzichtbar sind. Dieser Weg ist manchmal anspruchsvoll und kostet an einigen Stellen Geld. Langfristig lohnt er sich jedoch – für die Menschen ebenso wie für unsere Gesellschaft. Und am Ende spart es Geld.“
Im Dialog für Teilhabe bleiben
Auch Axel Knörig sprach sich dafür aus, die individuellen Bedarfe von Menschen mit Behinderung weiterhin in den Mittelpunkt zu stellen. Er betonte, dass zunächst Einsparpotenziale bei Bürokratie und Verwaltungsstrukturen geprüft werden sollten, bevor Leistungen eingeschränkt werden. Zudem bat er die Lebenshilfe um weitere Unterlagen, um die Erfahrungen aus der Praxis in die politischen Beratungen einfließen zu lassen.
Eva Brischke-Bau und Axel Knörig vereinbarten, den Austausch fortzusetzen. Sobald konkrete Reformvorschläge vorliegen, soll der nächste Termin erfolgen.
Hier erfahren Sie mehr zur Kampagne:
Die Forderungen der Lebenshilfe in Leichter Sprache:
https://www.lebenshilfe.de/ueber-uns/ls-forderungen-der-lebenshilfe-an-die-politik
Bild: Bundestagsabgeordneter Axel Knörig und Geschäftsführerin Eva Brischke-Bau @Lebenshilfe Grafschaft Diepholz


